Diese Studie untersucht meine Auseinandersetzung als Pianistin mit der Klaviermusik für Soloklavier von Einojuhani Rautavaara (1928–2016) und entwickelt auf der Grundlage historischer, analytischer und praxisbasierter Forschung aufführungspraktische und pädagogische Erkenntnisse. Im Zentrum steht Rautavaaras gesamtes veröffentlichtes Schaffen für Soloklavier, mit besonderem Schwerpunkt auf den Etüden op. 42. Untersucht werden die aufführungspraktischen und pädagogischen Herausforderungen dieser Werke sowie Rautavaaras Identität als Pianist und Komponist, seine Beziehung zum Instrument, zu etablierten pianistischen Traditionen und zur Virtuosität. Dabei wird auch die Rolle der Interpretinnen und Interpreten dieser Musik betrachtet.
Die Studie untersucht, wie sich Rautavaaras Umgang mit verschiedenen kontextuellen Faktoren in seiner sich wandelnden Beziehung zum Klavier widerspiegelt und wie diese wiederum den interpretatorischen Zugang der Ausführenden prägt. Sie vertritt die These, dass die Auseinandersetzung mit Rautavaaras Klaviersatz Interpretinnen und Interpreten stärken und sie ins Zentrum des musikalischen Erlebens rücken kann. Darüber hinaus stellt Rautavaaras Selbstverständnis als Medium der Musik konventionelle Vorstellungen kompositorischer Autorität infrage, eröffnet einen Raum für Interpretinnen und Interpreten als Mitwirkende am musikalischen Prozess und rückt ihre kreative Agency in den Vordergrund. Aufgrund der Verbindungen, die Rautavaaras Klaviersatz zwischen Tradition und Moderne herstellt, untersucht die Studie zudem das Potenzial dieses Repertoires, sowohl in der Aufführungs- als auch in der Unterrichtspraxis als Brücke zu weniger vertrauten musikalischen Bereichen zu fungieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie solche Begegnungen vermittelt werden können, indem die Beziehungen dieses Repertoires zum etablierten Kanon hervorgehoben werden.
Durch die Verbindung von Aufführungspraxis, Pädagogik und musikwissenschaftlicher Forschung verortet die Studie dieses Repertoire zwischen dem etablierten Kanon und den avantgardistischen Experimenten zu Rautavaaras Zeit und zeigt zugleich das Potenzial heterogener Methoden für die Untersuchung seiner Klaviermusik in realen Praxiszusammenhängen auf. Nach einer einleitenden Untersuchung jener biografischen Aspekte, die für Rautavaaras Beziehung zum Klavier von besonderer Bedeutung sind, wird sein Klavierschaffen im Kontext seiner ästhetischen Entwicklung sowie des historischen und künstlerischen Umfelds Finnlands seiner Zeit verortet. Die Studie untersucht die Strategien zur Förderung seiner Klaviermusik und deren Einfluss auf ihre Rezeption, bevor sie sich mit der Rolle der Virtuosität und der Position der Pianistin bzw. des Pianisten innerhalb dieses Repertoires auseinandersetzt. Abschließend bietet sie einen Überblick über Rautavaaras veröffentlichte Werke für Soloklavier unter aufführungspraktischen Gesichtspunkten und, im Falle der Etüden, auch unter pädagogischen Gesichtspunkten. Zu den Ergebnissen der Studie gehören praxisorientierte Ressourcen für Aufführung und Pädagogik, die von interpretatorischen Kommentaren bis hin zu Aufnahmen und Tutorials reichen.